Ein Interview mit Dominic Barter

Was bewegt dich, eine Einladung zur Präsentation nach Deutschland anzunehmen?

In den letzten Jahren stellten viele Länder und Gemeinschaften fest, dass ihr Umgang mit Konflikten nicht so funktioniert, wie sie es sich vorstellen; sei es in Justiz-Systemen, in Schulen oder Familien. Das System stärkt unsere Gemeinschaften weniger als erhofft, alle Betroffenen zahlen einen immer höheren Preis und erleben weniger Sicherheit in ihrem Umfeld als je zuvor. Menschen, die derartige Erfahrungen machen, laden mich ein. Sie suchen Methoden zur Wiederherstellung des sozialen Gleichgewichts und wollen diese ausprobieren. Ich freue mich sehr, nach Deutschland zu kommen, weil es dort es immer mehr Menschen gibt, die nach gewaltfreien Alternativen suchen, um mit Kriminalität und Meinungsverschiedenheiten umzugehen.

 

Wie kommt ein Engländer dazu, in Brasilien mit Restorative Justice zu arbeiten?

Ich kam das erste Mal 1992 nach Brasilien und war sofort fasziniert von der unglaublichen Schönheit der Natur und der außergewöhnlichen Weise das Leben zu feiern. Ich war aber auch beeindruckt von der extremen Ungleichheit zwischen Reich und Arm, und von der Gewalt, die ich dort wahrnahm. Ich kam in Kontakt mit Menschen in Favelas und lernte viel über deren soziale Realität. Es war sehr schwierig dort zu leben und zu akzeptieren, dass sich diese Verhältnisse nicht ändern ließen. Ich wollte zu einer Veränderung beitragen.

 

Gewaltfreie Kommunikation

Menschen begannen mich zu verschiedenen Anlässen einzuladen. Ich hörte vielen Brasilianern bei der Darstellung ihrer Konflikte zu. Durch dieses Zuhören entwickelte ich eine Form des Dialoges, auf der Basis von Gewaltfreier Kommunikation. Darin trainieren wir unsere Fähigkeiten, auf Gewalt zu reagieren und auf eine wirksame Weise in Dialog zu treten. Es entfaltet sich ein Prozess, in dem alle zusammenkommen die von einer Schmerz verursachenden Situation betroffen sind. Sie suchen eine Lösung für diese Angelegenheit und gestalten zusammen, was als nächstes passiert. Wir unterstützten diesen Prozess und erkannten, dass dieser sozialen Ausgleich und Lernen in Gemeinschaft fördert. Wir nannten die Methode Restorative Circles. Sie wurde zum Kernstück der Pilotprojekte in Brasilien im Rahmen von Restorative Justice.

 

Welche Konflikte machen einen Restorative Circle erforderlich?

Wir reden mit den Menschen darüber, was der Vorfall für sie bedeutet. Danach entscheiden wir gemeinsam, welches Vorgehen angebracht ist. Wir sind vor allem an den persönlichen Auswirkungen interessiert, die eine Handlung auf alle hat, die davon betroffen sind. Wie gehen die Betroffenen mit den Auswirkungen um? Wie arbeiten sie die Konsequenzen auf? Daher bewerten wir die Schwere einer bestimmten Handlung nicht nur nach Gesetzen oder Disziplinarordnungen. Wir sind mehr daran interessiert, welche persönliche Bedeutung diese Handlung für die Anwesenden hat. Manchmal ist das einfach einzuschätzen. Manchmal aber auch nicht. In jedem einzelnen Fall gehen wir damit individuell um. Es gibt also kein einfaches Rezept.

 

Was ist das Wertvollste an dieser Arbeit?

Was mich am meisten an dieser Arbeit berührt, ist wie sich die Sichtweise der Menschen aufeinander ändert. Die Vorstellung der andere Mensch sei ein Monster, mit dem man unmöglich in Frieden zusammenleben kann, wandelt sich und die Menschlichkeit des anderen wird sichtbar. Die Teilnehmer im Kreis entdecken, dass sie grundlegende menschliche Qualitäten gemeinsam haben. Tatsächlich erfahren sie damit eine Verbindung zu fundamentalen Werten des Lebens. Verbunden mit dieser Quelle der Kraft und Verantwortung bringen sie außergewöhnlich kreative und fantasievolle Antworten auf die Herausforderungen hervor, denen sie als Individuum und als Gruppe gegenüber stehen. Im Kreis bauen diese Qualitäten aufeinander auf: der Wandel meiner Vorstellungen über dich, bis ich dich wieder als menschliches Wesen betrachte, wie ich eins bin. So beginnt eine neue partnerschaftliche Zusammenarbeit zum Aufbau einer besseren sozialen Gemeinschaft. Diesen Prozess zu beobachten, ist das Wertvollste für mich. Es lehrt mich auch so vieles für mein eigenes Leben.

 

Welche Bedingung ist notwendig für Restorative Circles?

Damit eine Gemeinschaft von diesem Prozess profitieren kann, muss sie sich selbst als eine Gemeinschaft aufzufassen.
Die Voraussetzung ist dass Menschen mitbekommen: Ich lebe tatsächlich mit dir und irgendwie teile ich mein Leben mit dir. Vielleicht während der Arbeitszeit im selben Gebäude oder im selben Netzwerk. Oder vielleicht weil mir auffällt, dass ich zu den gleichen Läden gehe wie du, der gleichen Bücherei, den gleichen öffentlichen Plätzen, dem selben Park, dem selben Kindergarten. Es gibt eine Gruppe von Menschen, mit denen ich regelmäßig umgehe. Und irgendwie sind wir miteinander verbunden. Was diesen Menschen nützt, nützt auch mir. Was diesen Menschen schadet, schadet auch mir. In dem Moment, indem wir uns selbst als Gemeinschaft auffassen, können wir zusammenkommen und bewusst entscheiden, dass wir füreinander sorgen. Der Prozess beginnt, wenn wir erkennen, dass alles, was dich betrifft, mich auch betrifft.

 

Wo werden Restorative Circles angewendet?

In Brasilien arbeiten wir in Highschools mit 2.000 bis 4.000 Schülern. Restorative Circles finden auch Anwendung in Favelas mit wenig Ressourcen und nicht selten bei „Parallel-Regierungen“, wie Drogenbanden. Wir arbeiten mit sozialen Diensten, die sich um junge Menschen kümmern, die gegen Gesetze verstoßen oder Schwierigkeiten in ihrem Umfeld haben. Wir arbeiten in Jugendgefängnissen, in gerichtlichem Kontext und mit jungen Menschen, die Straftaten begangen haben; genauso wie mit den Polizeibeamten, die sie festnehmen.

 

Welche Auswirkung hat die Arbeit auf die Gemeinschaft?

Die ersten Veränderungen geschehen zwischen den Menschen in einem Restorative Circle. Wo Beziehungen durch Misstrauen und Trauma beeinträchtigt sind, beobachten wir, dass Menschen die Verbindung wiederherstellen. Sie stärken sich selbst und in ihre Beziehungen mit einander. Mit der Zeit entdecken wir Auswirkungen auf andere Familienmitglieder, Nachbarn und auf andere Menschen in der Gemeinschaft, in der sie leben, lernen oder arbeiten. Allmählich sehen wir Veränderungen in der ganzen Gemeinschaft. Spannungen und Ängste untereinander nehmen ab. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wächst. Man traut sich Angelegenheiten in die Hand zu nehmen, die eigenen und die der Gemeinschaft.

 

Jugendkriminalität nimmt ab

Wenn etwas die ganze Gemeinschaft betrifft, wie Gesetzesänderungen, Bauprojekte oder eine wirtschaftliche Veränderung, dauern diese Prozesse länger, manchmal Jahre. In Brasilien, wo wir mehr Zeit hatten um Projekte zu entwickeln, beobachteten wir einige dieser Auswirkungen. In Sao Paulo nahm die Anzahl der Kriminalfälle, die vor das Jugendgericht gebracht wurden, signifikant ab. Anfangs sinkt nicht unbedingt die Anzahl der Straftaten. Diese Methode gibt jedoch den Menschen Werkzeuge an die Hand, ihre Angelegenheiten selbst zu klären. Untersuchungen zeigen, dass mit der Zeit die Anzahl der Straftaten abnimmt. Gleichzeitig wird der Zusammenhalt in der Gemeinschaft gefördert. Das Selbstbewusstsein wächst: „Wir sind verantwortlich für unsere eigenen Angelegenheiten. Wir sind fähig, erfolgreich damit umzugehen.“

 

Wie sieht ein Aktionsplan aus?

Jede Situation ist anders, jeder Plan ist neu. Zwei Jugendliche spielten Fußball und gerieten in eine handfeste Auseinandersetzung. Eine Gruppe junger Männer boten einem von beiden Schutz an, indem sie den anderen bedrohen. Im Gegenzug kamen sie zu dem jungen Mann zurück: „Wir haben dir einen Gefallen getan, nun brauchen wir deine Hilfe. Bitte bringe diese Paket …“ Der junge Mann verstand, was es bedeutete und welche Folgen das haben könnte und wurde sehr unsicher.

Die beiden Jugendlichen initiierten einen Restorative Circle innerhalb ihrer Gemeinschaft, die dieses System schon eingeführt hatte. Als es um den Aktionsplan ging, gerieten sie in ein Dilemma: Der Streit zwischen ihnen war recht schnell ausgeräumt. Sie waren aber besorgt, jemand von außen hatte sich in den Streit eingebracht. Sie konnten nicht einfach sagen: „Es ist alles vorbei!“ Also entwarfen sie einen Aktionsplan, der nicht nur zeigte, dass sie in Frieden zusammenleben, sondern der das auch anderen Menschen deutlich macht. Ihr Plan bestand darin, ein Fußballspiel zu organisieren, am Samstagmorgen auf dem zentralen Platz der Gemeinschaft. Jeder konnte sehen, dass sie etwas zusammen machen, das sie nur tun, wenn sie keinen Streit haben. Diese Art von kreativer Lösung ist keine Seltenheit in Restorative Circles.

Ein anderes Beispiel: Zwei Nachbarn in einer Hüttensiedlung gerieten in einen Streit über einen offenen Abwasserkanal, der durch eine Abfalltüte von einem von ihnen verstopft war. In dem Prozess eine Lösung zu finden, stellten sie sich die Frage: „Warum gibt es hier überhaupt einen offenen Abwasserkanal?“ In ihrem Aktionsplan vereinbarten sie zusammen mit anderen Nachbarn ihre Lebensbedingungen zu verändern. Als Teil ihres Planes setzten sie sich mit der Gemeindeverwaltung in Verbindung um für ein besseres Abwassersystem in ihrer Gemeinde zu sorgen.

 

Wie weit verbreitet sind Restorative Circles und kann man bereits von Erfolg sprechen?

Unsere Projekte sind bereits in 5 Gerichtssystemen, 8 Jugendgefängnissen, 5 Gemeinden und 90 Schulen innerhalb Brasiliens implementiert. In weiteren 16 Gemeinden und 300 Schulen sind sie im Aufbau. 93% der Circles, die wir verfolgt haben, sind erfolgreich abgeschlossen und bei 95% davon sind die Aktionspläne bereits durchgeführt.

Unsere Arbeit in Schulen hat zu einer 50%igen Verringerung der Fälle geführt, die vor ein Gericht kommen. Stattdessen wird in der jeweiligen Schule ein Restorative Circle einberufen. Dort gibt es keine oder fast keine Rückfalle. Die Zufriedenheit der Beteiligten liegt bei 96%, im Vergleich zu unter 15% bei herkömmlichen Gerichtsverfahren. Innerhalb des Gerichtssystems, in denen Restorative Circles zusätzlich zu konventionellen Strafen angewendet werden, ist die Rückfallrate bis zu 60% niedriger als bei herkömmlichen Verfahren.

Diese Arbeit wird inzwischen auch in anderen Ländern angewendet: Nord Irland, Schottland, England, USA, Kanada, Argentinien, Indien und Iran. Die Circles werden beim Familiengericht, in Schulen, Gemeinden und Organisationen erfolgreich eingesetzt.

 

Wie vermittelst du diesen Prozess an andere weiter?

Dieser Prozess ist Teil unseres kulturellen Erbes. Er gehört allen! Wir lernen nichts Neues, wir entdecken und erinnern etwas sehr Altes wieder. Das verändern wir und passen es den Bedingungen an, unter denen wir heute leben. Früher waren die Lebensbedingungen anders und dieses Vorgehen in Gemeinschaften noch gebräuchlicher. Wir werden viel Zeit mit praktischem Üben verbringen. Ich erläutere Beispiele aus Brasilien oder anderswo, um die Grundprinzipien zu veranschaulichen. Wir machen daraus Übungen, die wir alle durchführen können. Das Erfahren und Verstehen des Restorative Circles Prozesses steht im Mittelpunkt unserer Workshops. Wir hinterfragen den Prozess und finden heraus was sich wirklich hinter Worten und Handlungen verbirgt. Das schließt auch Verhaltensweisen ein, die schmerzhaft für andere Menschen sind.

 

Für wen könnte dieser Workshop von Bedeutung sein?

Dieser Workshop ist interessant für Menschen, die mit anderen über längere Zeit in Beziehung stehen. Ein Gerechtigkeitssystem entwickelt sich von selbst, wenn wir länger zusammen sind. Wenn wir uns nicht bewusst für ein bestimmtes Rechtssystem entscheiden, das uns bei Meinungsverschiedenheiten und Konflikten hilft, übernehmen wir das System, in dem wir erzogen wurden. Das gegenwärtige Gerechtigkeitssystem stellt uns mit seinen formellen Abläufen vor Gericht nicht zufrieden. Die gleiche Unzufriedenheit ist auch in informellen Zusammenhängen, im Umgang mit Nachbarn, in NGO ́s, in Unternehmen, Schulen, Familien und in kirchlichen Gruppen spürbar. Diese Gerechtigkeit funktioniert oft nicht so menschlich, wie wir es uns wünschen. Viele machen diese Erfahrung und sind auf der Suche nach Alternativen, die konstruktiver und weniger gewaltvoll sind. Diese Menschen werden, so hoffe ich, durch diesen Workshop etwas lernen können, das für sie hilfreich und nützlich ist.